Manuskript der Rede vom DGB-Mittelhessen

Der DGB hat mehre Anrufe erhalten mit der Frage:
Warum lehnt der DGB den Kongress ab?
Warum ist der DGB im Bündnis gegen Homophobie, Sexismus und religiösen Fundamentalismus?
Es gibt darauf eine einfache Antwort: Der DGB-Kreisvorstand Marburg-Biedenkopf hat dies einstimmig beschlossen.
Es gibt aber noch eine Antwort: Gewerkschaften stehen für Solidarität und lehnen Diskriminierung in jeder Form ab.

Wer Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Nationalismus als menschenverachtendes Denken ablehnt, der sollte zu Sexismus und Homophobie nicht schweigen.
Wir werden nicht schweigen.

Das gegeneinander ausspielen von Lohnabhängigen – Kolleginnen mit deutschem Pass gegen Kollegen ohne deutschen Pass, Männer gegen Frauen, Kernbelegschaften gegen Leiharbeiter oder aber auch Hetreo- gegen Homosexuelle – hat eine lange und unselige Tradition und ist das Schmiermittel für kapitalistische Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse.
Das Prinzip von teile und herrsche muss durchbrochen werden. Das Fahrradfahrersyndrom – nach oben buckeln und nach unten treten – muss raus aus den Köpfen.
Wir wollen und wir brauchen eine solidarische Gesellschaft
Bertholt Brecht beschreibt die Solidarische Gesellschaft im Solidaritätslied so: Wir wollen unter uns keine Sklaven sehen und über uns keine Herren.
Oder wie es Marx beschrieben hat: Es geht um den kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.
Das Bündnis richtet sich aber nicht nur gegen Diskriminierung in Form von Homophobie und Sexismus, sondern auch gegen religiösen Fundamentalismus.
Klarstellung: Hier geht es nicht um Religionskritik, ich spreche von religiösem Fundamentalismus.
Mir scheint, dass es guten und bösen religiösen Fundamentalismus gibt.
Der „böse“ kommt aus der islamischen Welt. Er füllt viele Seiten von diversen Verfassungsschutzberichten. Er dient als moralische Legitimation dafür, dass die Freiheit am Hindukusch verteidigt wird und wir von Otto Schily und Wolfgang Schäuble mit immer neuen Sicherheitsgesetzen beglückt werden.
Dann gibt es den „guten“ religiösen Fundamentalismus christlicher Prägung.
Der ist im Abendland beheimatet. Dieser ist absolut demokratie- und freiheitsliebend.
Die Liebe zu Demokratie und Freiheit geht dann sogar soweit, dass diese in alle Welt exportiert werden. Oft wird dann sogar soviel Demokratie und Freiheit exportiert, dass zuhause immer weniger davon übrig bleibt.
Die Evangelikalen wehren sich in der jüngeren Zeit vehement gegen den Vorwurf des Fundamentalismus. Man gibt sich nach außen liberal, tolerant und weltoffen.
Ein Beispiel: Das deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft und dessen Vorsitzende Ruth Vonholdt sagen:
„Das DIJG respektiert die Würde, Autonomie und den freien Willen eines jeden Menschen. Homosexuell empfindende Menschen haben das Recht, eine homosexuelle Identität anzunehmen; sie haben aber das Recht, einen Weg der Veränderung zu gehen. Das Recht, eine Therapie mit dem Ziel der Abnahme homosexueller Impulse einzugehen, sollte unveräußerliches Recht sein.“

Das Wort Therapie in diesem Zusammenhang sagt Alles. Hinter der verbal-vordergründigen Toleranz steht das alte Weltbild: Es gibt nur eine gute und richtige Sexualität und die ist heterosexuell. Schwule und Lesben sind in den Augen der Evangelikalen Menschen 2. Klasse.

Darüber hinaus lehnen die Evangelikalen die Evolutionstheorie von Charles Darwin ab. An dessen Stelle treten dann Schöpfungslehre und Kreationismus. Hier stellt sich die Frage an den Unipräsidenten, wann es in Marburg den ersten Physikerkongress gibt, in dem über die Frage diskutiert wird: Ist die Erde nicht doch eine flache Scheibe?
Esoterik scheint inzwischen an der Marburger Universität einen hohen Stellenwert zu besitzen. Im letzten Jahr wurde die Abendrothstelle nicht wiederbesetzt, dafür soll im Sommer den Dalai Lama die Ehrendoktorwürde verliehen werden. Die ehemaligen Leibeigenen der Gelbmützenmönche in Tibet wird es freuen.
Noch ein letztes Wort zu der Berichterstattung zum Kongress in einem Teil der Medien.
Der politische Skandal scheint hier nicht mehr zu sein, dass religiös-fundamentalistischen Positionen eine Bühne im universitären und öffentlichen Raum geboten wird, sondern es wird der Versuch gemacht den Protest bzw. Teile davon zu kriminalisieren:

Wir lassen uns nicht in gute und böse Demonstrant/innen auseinander dividieren.

Ich wünsche uns eine erfolgreiche Demonstration.