Hallo zusammen,

wir von der Redical(m) aus Göttingen, wollen uns mit dem hiesigen Bündnis gegen „Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus“ solidarisch erklären. Es ist uns daher eine erklärte Freude gemeinsam mit euch der religiösen Reaktion, in Gestalt des „internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ ans ideologische Standbein zu pissen.

Bereits im vergangenen Jahr haben wir im Rahmen der Mobilisierung des „Ums Ganze Bündnisses“ gegen den „Anti-Islam-Kongress“ der nationalistischen Regionalpartei Pro Köln, nicht nur Patriotiotismus und Rassismus, sondern zugleich islamischen Fundamentalismus und christlich-abendländischen Kulturalismus radikal kritisiert. Die selbsternannten Kulturkämpfer von Pro Köln zeigten deutlich, dass linke Religionskritik nicht nach antideutscher Manier lediglich gen Mekka zu blicken hat, wo doch der christlich-kulturelle Ungeist mit neuem Selbstbewusstsein vor der eigenen Haustüre erstarkt. Wenn auch die politische Rechte einerseits, und religiöser Fundamentalismus christlicher oder islamischer Coleur andererseits, differenzierte Ideen vertreten und verschiedene Adressaten ansprechen, so zeigt sich ihre inhaltliche Nähe doch gleichzeitig an einigen übergreifenden Gemeinplätzen. Hier können mehr oder weniger unverhohlene Homophobie, Sexismus und nicht zu vergessen ein organischer Kulturbegriff hervorgehoben werden. Somit fügt sich auch die argumentative Schützenhilfe für den Marburger Evangelikalen Kongress aus den Kreisen von NPD und DVU stimmig ins Bild.

Wenn also die „Akademie für Psychoanalyse und Seelsorge“ ihren Kongress mit dem Motto übertitelt „Identität. Der rote Faden in meinem Leben“, was muss dann in diesem Sinne darunter verstanden werden? Nun es ist nicht weiter verwunderlich, dass auf dem Kongress, kein Referat zum Thema Homosexuelle Identität vorgesehen ist, denn eine solche scheint für die Veranstalter offenkundig als roter Faden inakzeptabel. Das allgegenwärtige Lamento der Veranstalter, man wolle nicht Homosexualität als Krankheit behandeln, sondern den Leidensdruck von Menschen mit einer sogenannten ichdystonen Persönlichkeitsstörung therapeutisch mindern, ignoriert in dreister Weise die verinnerlichten gesellschaftlichen Denkmuster die einer solchen Diagnose überhaupt zugrunde liegen. Hier finden sich die Evangelikalen in trauter Einheit wieder mit den Therapiepraxen im Iran, wo das entsprechende pathologische Bild durch geschlechtsumwandelnde Operationen wieder in die gewünschte heterosexuelle oder auch gottgewollte Norm gepresst wird, eine chirurgische Praxis die immerhin in keinem Land so häufig durchgeführt wird wie im Gottesstaat.

Nun ist die Bundesrepublik bekanntlich kein dezidiert religiös begründeter Staat, nichts desto Trotz werden aber gerade hierzulande die christlichen Kirchen als Religionsgemeinschaften privilegiert . Das heißt konkret, durch die staatliche Einbehaltung von Kirchsteuern verfügen die verschiedenen christlichen Religionsgemeinschaften über eine so komfortable materielle Basis, dass sie mit sage und schreibe 1,2 Millionen Beschäftigten einen größeren Bereich des öffentlichen Sektors unter ihrer privaten Tägerschaft haben als dies vom Staat selbst bewerkstelligt werden kann. Die christliche Infiltration findet daher in Erziehungseinrichtungen und Kliniken statt und an die Einhaltung säkulärer Rechtsstandarts wie etwa das Gleichbehandlungsgesetz gegenüber ihren MitarbeiterInnen, sind diese Einrichtungen keineswegs gebunden. Mit dieser Amerkung soll nun aber nicht einem schlichten staatsaffirmativen Liberalismus das Wort geredet werden. Vielmehr möchten wir die besondere Stellung der Kirchen in diesem Staat deutlich machen, weil sie den ausschlaggebenden Hintergrund bildet, vor dem auch gerade homophobe Diskriminierung institutionalisiert ist. Wen wundert da noch die Anwesenheit so vieler therapeutischer Fachkräfte auf einem unzweifelhaft fundamentalistisch ausgerichteten Kongress? Oder anders gefragt, wen wundert dass das weder Stadt noch Universität den Evangelikalen die Mietverträge aufkündigen?

Doch kehren wir zurück zur inhaltlichen Kritik am Kongress, die implizit von der gesamten Veranstaltung mitgetragene Homophobie bildet hier ja eigentlich nur die Speerspitze der sexuellen Repression. So wird die Referentin Angelika Pokropp-Hippen zum Thema Abtreibung als Traumata sprechen. Auch im Hinblick auf diesen Schwerpunkt kommt mensch also nicht umhin anzuerkennen, dass hier wohl eher die christlichen Vorstellungen vom Schutz des ungeborenen Lebens, als Auslöser der Pathologie fungiert und keineswegs der eigentliche Eingriff. In diese Kerbe schlägt auch der Vortrag von Barbara Kreichelt, die sich nicht entblödet das fötale Unbewusstsein zur Persönlichkeit zu überhöhen und hört , hört zur „vorgeburtlichen Prägung der religiösen Identität“ sprechen wird. Die Stoßrichtung der hier verbreiteten und vom gesamten Kongress unterstützen sexuellen Repression, lässt als einzig legitime sexuelle Identität, die Hetero-Ehebeziehung zu. Ganz im christlichen Sinne geht es also ausschließlich um die Zeugung und Erziehung von Kindern.

Ein Interesse an der gesellschaftlichen Reproduktion, das auch nebenbei bemerkt auch von Staat und Kapital geteilt wird und zu dessen reibungloserer Organisation die Religion, hier in Gestalt der evangelikalen-christlichen Lehre das zweckdienliche ideologische Schmiermittel abgibt.

Erschreckenderweise scheint gerade dieses christliche Bild in unserer Gesellschaft gegenwärtig wieder an Zuspruch zu gewinnen. So biedert sich die Suche nach stabiler Identität, dem einen roten Faden also von dem die APS spricht, einem gerade in der ökonomischen Krise grassierenden Sicherheitsbedürfnis der Menschen an. Aus emanzipatorischer Perspektive jedoch gilt es statt dessen vehement darauf hinzuweisen, dass sich die berüchtigte Parole „Freiheit stirbt mit Sicherheit“ sich auch im religiösen Klammergriff nach den Köpfen wieder einmal bewahrheitet.

Dagegen wollen wir als Kommunisten dazu aufrufen die Ursachen des individuellen emotionalen Unglücks in dem realen sozialen Fakten der kapitalistischen Wertvergesellschaftung und ihres abgespaltenen Bereichs, der Reproduktion und emotionalen Fürsorge zu suchen. Es gilt daher mit Marx:

„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“

[Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. 1843–1884, in Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. Dietz Verlag, Berlin 1976, Band I, S. 378–391]

Eine Aufhebung von Sexismus, Homophobie, pathologischen Familienformen und Gebärappellen kann somit erst in einer antinationalen kommunistischen Gesellschaft verwirklicht werden.

Deshalb wollen wir Unfrieden stiften und Streitbarkeit fordern,

für den Kommunismus

Gegen Gott, Staat und Vaterland