Redebeitrag zur Demonstration gegen den „Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ in Marburg

Werte Homo-Genossinnen und –Genossen.
Liebe Trümmertransen, Kampflesben, Arschpiraten, Intersexen und Emanzen.
Liebe Mitperversen und -perversinnen.

Bei dem momentan stattfindenden „Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ handele es sich NICHT um einen Kongress, der sich inhaltlich gegen die Selbstbestimmung Homosexueller Menschen richtet.
Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel sieht aufgrund dieser Annahme auch keinen Grund, den Kongress abzusagen. Er meint: ZITAT „Sollte es zutreffen, dass Herr Hoffmann und Frau Vonholdt Positionen vertreten, die sich gegen homosexuelle Identitäten und Lebensweisen richten, distanziere ich mich.“ ZITAT ENDE

Wir fordern von Ihnen, Herr Vaupel, allerdings nicht einfach nur, sich von ReferentInnen wie Hoffmann und Vonholdt sowie anderen Gestalten aus der evangelikalen Spinner-Szene, denen hier in Marburg Räume zur Verfügung gestellt werden, zu distanzieren. Wir fordern darüber hinaus, den Kongress komplett zu untersagen.
Zu den von Ihnen genannten ReferentInnen können wir Ihnen hiermit außerdem feierlich verkünden: Sowohl bei Markus Hoffmann als auch bei Christl-Ruth Vonholdt handelt es sich um übergeschnappte pathologische Homosexuellenhasser!
Vonholdt äußerte sich bei einem Interview wie folgt: ZITAT „Die Ursachen für homosexuelle Empfindungen haben mit frühkindlichen, tiefen emotionalen Verwundungen zu tun, mit chronischen Traumata.“ ZITAT ENDE Außerdem würde sich die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit heterosexuellen ihrer Meinung nach ZITAT „auf unsere Kinder und die nächste Generation (…) zerstörerisch auswirken.“ ZITAT ENDE
Markus Hoffmann beschwört dazu gar die christliche Überidentität herauf und sagt ZITAT „Christen müssen sich nicht verstecken, wenn sie mit der These der Veränderbarkeit aufstehen. Denn Veränderung von Homosexualität ist etwas, das in der Realität von Sexualität beobachtet werden kann.“ ZITAT ENDE In seinen Augen sehnt sich jede homosexuelle Person nach einer Stimme, die ihr genug Selbstbewusstsein vermittelt, um ihre Homosexualität zu überwinden.

Michael Gerlach arbeitet bei Wüstenstrom und gehört zu einem der Vorreiter der christlichen Homosexuellenheiler-Bewegung. Er leitet beim Kongress das Seminar „Sexuelle Identitätskonflikte“. Ein Schwuler, der sich ein Jahr lang bei ihm in Therapie befand, berichtete uns davon, dass während seiner Therapie alle seine Probleme auf seine homosexuellen Fantasien zurückgeführt wurden. Ihm wurde verboten, andere TherapeutInnen oder ÄrztInnen aufzusuchen, als er aufgrund der Verschlechterung seines Zustandes danach verlangte. Nach eigener Aussage wird er sich von dem Schaden, der ihm in diesem Jahr bei den Homosexuellenheilern zugeführt wurde, nie wieder richtig erholen können.

Dass solchen Personen wie Gerlach, Vonholdt oder Hoffmann in Marburg ein Sprachrohr geboten wird, muss als Schlag ins Gesicht einer emanzipatorischen Homosexuellenbewegung gewertet werden!
Noch vor 65 Jahren wurden Schwule in Deutschland aufgrund ihrer sexuellen Orientierung umgebracht. Der Paragraph 175 wurde in die zwangsdemokratisierte postfaschistische Gesellschaft übernommen. Bis ins Jahr 1969 wurden unter dem Paragraph 175 Schwule Männer in Zuchthäuser zwangseingeliefert. Erst am 11. Juni 1994 wurde der Paragraph aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen.

Vor 19 Jahren, am 17. Mai 1990 wurde Homosexualität von der Weltgesundheitsorganisation von der Liste psychischer Krankheiten gestrichen.
Und hier bietet eine Stadt und Universität homosexuellenfeindlichen Menschen die Möglichkeit, diese späten Errungenschaften zu hinterfragen und gegen sie zu arbeiten!

Homosexuellenfeindlichkeit ist aber auch heute noch lange nicht überwunden, die Vorstellung, in der Deutschland als tolerante und moderne Gesellschaft utopiert wird, verschleiert schlichtweg die Alltagsrealität vieler Schwuler, Lesben, Bisexuellen und Trans*Menschen. Die meisten offen Homosexuellen und Trans*menschen sind im Alltag Beleidigungen, Verspottungen und anderen Formen von Diskriminierungen ausgesetzt. Wie auch in den vorigen Jahren waren unter befragten Homosexuellen in Deutschland im letzten Jahr über ein Drittel betroffen von homophoben körperlichen gewalttätigen Übergriffen. Die verbalen Übergriffe übersteigen dieses Drittel bei Weitem.
Doch nicht nur körperliche und verbale Gewalt muss zu den diskriminierenden Ausformungen einer zutiefst patriarchalen und dadurch homosexuellenfeindlichen Gesellschaft gezählt werden.
Bereits der Schritt, sich als Homosexueller outen zu müssen. Der Zwang, der auferlegt wird, sich durch Begriffe wie schwul oder lesbisch als Randfiguren einer heterosexuellen Gesellschaft auszuweisen, ist als Moment der gesellschaftlichen Unterdrückung nicht-heterosexueller Lebensformen zu bezeichnen.
Die einzige Möglichkeit, sich als Schwuler oder Lesbe gegen diese repressive Form der Stigmatisierung Homosexueller zu stellen, ist in unseren Augen, sich genau diese Kategorien, mit denen wir ausgegrenzt werden sollen, anzueignen und mit lesbischwulem Selbstbewusstsein zu sagen: Wir sind da, ihr könnt uns nicht ignorieren, denn wir schreien: Wir scheissen auf Eure heterosexuellen Normen!

Solange auch nur eine homosexuelle Person noch dem Zwang des Outings gegenüber steht, solange auch nur eine homosexuelle Person mit dummen Anmachen konfrontiert wird, so lange kann der Kampf einer politischen Schwulen- und Lesbenbewegung nicht vorbei sein!

In diesem Sinne sind wir als Radical Homos aus Göttingen heute hier und demonstrieren mit Euch gegen den homosexuellenfeindlichen Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg.

Kein Platz für Homosexuellenfeindlichkeit und Sexismus!
Gegen christliche Spinner und Ex-Gay-AktivistInnen!
Für eine emanzipatorische Lesben- und Schwulenbewegung!
Freiheit allen Perversen