Archiv für April 2018

Pressemitteilung: Kein Raum für Homophobie, Sexismus und religiösen Fundamentalismus!

Gegen die Jahrestagung der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge.

Die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS) gastiert am Wochenende des 27.-28. April 2018 im Konferenzzentrum der Evangelischen Hochschule Tabor anlässlich ihrer Jahrestagung mit dem Motto „Vorbilder! Orientierung oder Verführung?“. Die APS gibt sich als Organisation mit dem „Zweck, Begegnungen zwischen Psychotherapie und christlicher Seelsorge in Wissenschaft und Praxis zu fördern“1 . Unter diesem Leitbild organisiert sie in regelmäßigen Abständen Kongresse, veranstaltet eine jährliche Tagung, und ist Herausgeberin der Zeitschrift „P & S – Magazin für Psychotherapie und Seelsorge.“ Im Jahr 2009 wurde die Stadt Marburg zum Austragungsort eines Kongresses2 der Organisation. Unter dem Motto „Begegnung zwischen Psychotherapie und Seelsorge in Wissenschaft und Praxis“ wurde dazu geladen, sich insbesondere mit den Themen der Sexualität und der sexuellen Orientierung auseinanderzusetzen. Mit dabei waren auch Redner und Gruppen, die für „Konversionstherapien“3 , also die „Heilung“4 von Homosexuellen warb.

Neun Jahre später sind es die gleichen Strukturen, die zur Jahrestagung laden. In gewohnter Manier sind dazu Redner*innen eingeplant, deren menschenverachtende Ideologie einige von ihnen nur schwer zu verbergen wissen. So wird am Freitagabend der Theologe Dr. Michael Rhode sprechen. Rhode ließ sich bei einer Geprächsrunde im Rahmen eines „Kirchentages“ im Jahr 2009 etwa zu folgendem aus: „Sex ist von Gott vorgesehen für einen Mann und eine Frau,
die sich versprochen seien (…) Wenn eine Ehe scheitert, ist das eine Sünde. (…) Homosexualität ist eine Disposition, die ich mit dem Willen steuern kann.” Weiter sagt er: „Sex ohne Bindung zum Partner lässt sich nicht mit dem christlichen Glauben5 vereinbaren, (…) auch Sado-Maso-Sex ist eine Fehlform”6 . Auf die Frage, was geschehe, wenn sein Sohn homosexuell sei, postulierte er, dass das aufgrund seiner Prägung wohl unwahrscheinlich sei.

Personell wie auch strukturell ist die APS innerhalb christlich-fundamentalistischer Zusammenhänge bestens vernetzt. So werden ihr Vorsitzender, Dr. Martin Grabe, sowie der Theologe und Therapeut Martin Drogat, von der „Stiftung Therapeutische Seelsorge“ als Dozenten aufgeführt. Die „Stiftung Therapeutische Seelsorge“ ist eine Tochterorganisation der Organisation „Entschieden Für Christus“ (EC), und vertritt offen homo- und trans*feindliche, sowie sexistische Positionen. Sie schreibt über sich selbst:

„Seelsorge, Therapie und Lebensstiländerungen, und die damit verbundene Lösung seelischer Konflikte, sowie die überwindung und Bewältigung von Lebenskrisen, geschieht in seelsorgerlich therapeutischen Gesprächen, in denen der Seelsorger den Ratsuchenden begleitet. Der Seelsorger weiß sich dabei unter der Führung des Heiligen Geistes.“ 7

In familialistischem Duktus inszeniert sich die Stiftung dabei auch offensiv gegen Gleichstellungspolitiken und Geschlechtergerechtigkeit und postuliert in einem als offener Brief an Angela Merkel adressierten Schreiben:

„Die liebevolle Partnerschaft von Mann und Frau stellt als biologisch wie biblisch begründete Lebensform die optimalen Bedingungen für Kinder bereit, um zu starken und verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu wachsen und heranzureifen. Sie erleben und achten die Verschiedenheit der Geschlechter, deren gemeinsame Würde und einen konstruktiven Umgang miteinander.“ 8

Martin Drogat, nach eigenen Angaben Diplompädagoge und Theologe9, ist neben seinen Tätigkeiten für die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge und die Stiftung Therapeutische Seelsorge auch als Dozent an der evangelikalen „Hochschule“ Tabor am Marburger Ortenberg und Mitarbeiter der Liehrnhof-Akademie . Ebenfalls Dozent in Tabor ist Roland Werner10 , ehemaliges Aushängeschild und Gallionsfigur der „ExGay“-Bewegung und überzeugter Schwulenhasser. Werner ist Mitgründer und langjähriger Funktionär der Gruppe „Christus Treff“ in Marburg und Vorstand der „Evangelischen Allianz“11 . Der Christus Treff hat im vergangenen Jahr unter anderem dadurch für Aufsehen gesorgt, dass er sich als festes Bestandteil einer langfristigen Nutzung des Lokschuppens auf dem Waggonhallenareal auch gegen massiven Protest12 hat etablieren können. Es handelt sich, wie nicht zuletzt die Persona Werner zeigt, um eine gut vernetzte christlich-fundamentalistische Organisation, ohne jede Berührungsangst gegenüber dezidiert homofeindlichen und sexistischen Ideologien. Die Liste ist zu lang, um mit den hier aufgegriffenen Beispielen auch nur annähernd für vollständig erklärt zu werden.

Nicht nur in Marburg als Hochburg evangelikaler und christlich-fundamentalistischer Strukturen werden antifeministische und homophobe Positionen wieder selbstbewusst und öffentlich kundgetan, in ganz Hessen haben derlei menschenfeindliche Ideologien Konjunktur, wie ein Blick auf die kürzlich stattgefundene Männerrechtler-Tagung „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“ in Frankfurt am Main13 zeigt.

Als Zeichen des Protests gegen die Veranstaltung der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge, und die grassierende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von religiös-fundamentalistischen Ideolog*innen finden in Marburg diverse Veranstaltungen statt.

Das Bündnis Kein Raum für Sexismus, Homophobie und Religiösen Fundamentalismus ruft am Freitag, den 27. April 2018 um 17 Uhr zur Demonstration auf. Treffpunkt ist der Vorplatz des Cineplexx Marburg14.

Am Mittwoch, den 25. April um 21:00 Uhr lädt das Bündnis Kein Raum für Sexismus, Homophobie und Religiösen Fundamentalismus zum Mobilisierungsabend und Infovortrag zur Vorbereitung auf die Demonstration in das Havanna Acht (Lahntor 8, 35037 Marburg)15.

Am Donnerstag, den 26. April lädt der AStA der Philipps-Universität zur Filmvorführung der Panorama-Dokumentation „Die Schwulenheiler“ mit Diskussion mit Christian Deker im Capitol Center und Infovortrag des Bündnisses Kein Raum für Sexismus, Homophobie und Religiösen Fundamentalismus vor Filmbeginn.

Am 7. Mai um 20 Uhr lädt das Autonome Schwulenreferat zum kritischen Vortrag „Das Erbe Sodoms. Gleichgeschlechtlicher Sex in christlicher Ethik“ im Hörsaalgebäude Biegenstraße, Raum +1/0030 mit Yannick Barnekow16.

  1. https://www.akademieps.de; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  2. http://noplace.blogsport.de/2009/04/08/1-pressemitteilung/; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  3. http://www.queer.de/detail.php?article_id=10250; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  4. http://www.taz.de/!5164518/; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  5. https://www.morgenpost.de/printarchiv/politik/article103222558/Es-gibt-keinen-Sex-wenn-Gott-schonschlaeft.html; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  6. http://www.ekir.de/www/service/6433.php; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  7. https://ssl-account.com/stiftung-ts.de/ts/seite.php?id=40; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  8. https://ssl-account.com/stiftung-ts.de/ts/downloads/offener_brief_eheinitiativen.pdf; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  9. https://ssl-account.com/stiftung-ts.de/ts/seite.php?id=10; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  10. https://www.eh-tabor.de/de/werner; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  11. http://www.ead.de/die-allianz/netzwerk/hauptvorstand/prof-dr-dr-roland-werner.html; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  12. https://www.hessenschau.de/gesellschaft/marburger-stadtpolitik-streitet-ueber-papier-gegen-homo-heiler,christus-treff-marburg-antrag-linke-100.html; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  13. https://www.heise.de/tp/features/Ein-bisschen-Unfrieden-4012758.html; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  14. http://noplace.blogsport.de/2018/04/19/aufruf-gegen-die-jahrestagung-der-aps-vom-27-28-april-in-marburg/ [zurück]
  15. https://www.facebook.com/events/169327537029664/ [zurück]
  16. www.schwulenreferat-marburg.de/sommer18 [zurück]

Aufruf: Gegen die Jahrestagung der APS vom 27.-28. April in Marburg!

Demonstration am 27. April 2018
18 Uhr
Cineplexx Vorplatz Marburg

Die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS) möchte am 27. und 28. April ihre Jahrestagung zum Thema “Vorbilder” im Haus Tabor in Marburg abhalten. Die APS ist innerhalb christlich-fundamentalistischer Kontexte stark vernetzt und hat hier offensichtlich keinerlei Berührungsängste. Uns ist klar: Wenn sich Evangelikale treffen1, kommen wir auch!

Neben dem 6. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge 2009 hat die APS in den letzten Jahren schon mehrmals ihre Jahrestagung in Marburg abgehalten – weitestgehend ohne Gegenprotest, obwohl dort Personen aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum referierten, wie etwa über die Frage, wie das Heterosexuellwerden therapeutisch gefördert werden kann.

Dass offen homophobe Töne in den letzten Jahren leiser wurden, sehen wir nicht als emanzipatorische Entwicklung, sondern als taktische Vermeidung von gesellschaftlich tabuisierten Schlüsselwörtern. Die theologischen und theoretischen Bezüge sowie die Ausrichtung der APS sind noch immer die Gleichen, daher liegt der Schluss nahe, dass lediglich Reizworte oder -themen vermieden werden, um gesellschaftlich anschlussfähiger zu sein. Doch auch ohne offene Homophobie und Sexismus haben wir Kritik an dieser Veranstaltung, weswegen sich ein Blick auf die geladenen Referent*innen lohnt.

Am Freitagabend wird Dr. Michael Rhode aus Jena sprechen. Der Theologe für das Alte Testament und die Theodizee-Frage äußerte sich in einer Gesprächsrunde auf dem Kirchentag 2007 wie folgt: „Sex ist von Gott vorgesehen für einen Mann und eine Frau, die sich versprochen seien (…) Wenn eine Ehe scheitert, ist das eine Sünde. (…)2 Homosexualität ist eine Disposition, die ich mit dem Willen steuern kann.” Weiter sagt er: „Sex ohne Bindung zum Partner lässt sich nicht mit dem christlichen Glauben3 vereinbaren, (…) auch Sado-Maso-Sex ist eine Fehlform.”

Der Samstag beginnt mit einer Andacht der Theologin und Bibel-TV-Seelsorgerin Martina Kessler. Sie schrieb etwa in ihrer Masterarbeit 2008, nachdem sie Gender als gesellschaftliches Konstrukt durchaus sachlich darstellte, dass sie sich auf Luthers Aussagen zu Mann und Frau beziehe und Geschlecht als von Gott gegeben betrachtet, was sie direkt mit einem Zitat des Sexisten, Antisemiten, Arbeitsfetischisten und4 Despotenfreund Luthers belegt. Außerdem nahm sie 2013 an einer Gesprächsrunde des Evangeliums-Rundfunks aus Wetzlar teil – und war sich dabei nicht zu schade mit Hedwig von Beverfoerde, ihrerseits Organisatorin verschiedener sog. Demos für Alle5 zusammen über Gender-Mainstreaming zu diskutieren6.

Außerdem am Samstag sprechen werden Tobias Kunkler und Gisela Ana Cöppicus Lichtsteiner. Kunkler ist Erziehungswissenschaftler, Soziologe und Kollege des Alten Herren Karsten Jung der extrem rechten Burschenschaft Rheinfranken Marburg an der CVJM-Hochschule Kassel. Lichtsteiner ist Therapeutin aus Zürich und nahm bereits mindestens 2003 und 2006 an Jahrestagungen der APS in Marburg teil – und hat dabei offensichtlich keine Probleme mit Homoheilern aufzutreten, wie ein Blick in das vii jeweilige Programm verrät.

Wir kritisieren die homophoben und lustfeindlichen Aussagen Rhodes! Wir haben keine Lust auf das Geschlechterbild der Bibel-TV-Seelsorgerin Kessler! Und wir akzeptieren keinen religiösen Fundamentalismus in Marburg! Kommt deshalb am 27. April mit uns auf die
Straße und protestiert gegen diese reaktionäre und antifeministische Tagung!

Kein Raum für Sexismus und religiösen Fundamentalismus!

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  1. Wir sind uns bewusst, dass eine Kritik an religiösem Fundamentalismus über diese Veranstaltung hinaus passieren muss. Jedoch finden wir, dass eine solche Tagung nicht ohne Protest passieren sollte und sich genau dieser eignet, um eine längerfristige Kritik zu formulieren. Ob die Muslimbruderschaft mit ihrem Verein Orientbrücke e.V., der Christustreff oder die APS – religiös-fundamentale Strukturen gibt es in Marburg mehr als genug! [zurück]
  2. http://www.ekir.de/www/service/6433.php; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  3. https://www.morgenpost.de/printarchiv/politik/article103222558/Es-gibt-keinen-Sex-wenn-Gott-schonschlaeft.html; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  4. http://www.missiologie.org/mediapool/79/797956/data/Kessler-Macht_Macht_erotisch.pdf; Stand: 18. April 2018. [zurück]
  5. Der rechte rand Nummer 170 (jan/feb 2018); Stand: 18. April 2018. [zurück]
  6. https://www.akademieps.de/download/5342-Kongress2006-Programmheftteil.pdf; Stand: 18. April 2018. [zurück]