Kongress in Würzburg

Seit gestern, dem 8.Mai, findet in Würzburg der evangelikale Kongress der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge statt. Dieser Kongress setzt sich zum Ziel, christliche Seelsorge und Psychotherapie zu verbinden. Dabei spielen evangelikale Werte eine große Rolle, die Vorstellung von Ehe zwischen Mann und Frau sowie traditionelle Vorstellungen von Familie prägen dieses Bild, vor dessen Hintergrund Menschen therapiert werden sollen. Homosexualität als Sünde, Abtreibung als Mord, traditionelle Geschlechterrollen als Gottes Gesetz – Evangelikale sind leider kein Randphänomen sondern greifen oft ungehindert und unkommentiert in das Leben vieler Personen ein, die nicht diesen Normen nach ihr Leben leben wollen.

Das Motto des diejährigen Kongress vom 8.-11. Mai in Würzburg lautet “Zeit. Geist. Zeitgeist”. In seinem Grußwort nennt der 1. Vorsitzende der APS, Martin Grabe, als Beispiele für den seiner Meinung nach “heftigen Wandel” in den letzten Jahren die Gender-Debatte, Multikulturalität, sexualethische Normen, Patchwork-Familien und berufliche Flexibilitätserfordernisse. Alle diese Themen werden vom Kongress aufgegriffen. Hier äußern sich Vorbehalte gegen Lebenskonzepte die nicht der christlich-evangelikalen Norm entsprechen und gegen nichtdeutsche betrachtete Mitbürger_Innen. Die mühsam erkämpfte und bei weitem noch nicht vollständig erreichte Gleichberechtigung von in unserer Gesellschaft diskriminierten Gruppen wird als ein Trend der Gegenwart heruntergespielt, in dem der christliche Glaube die Orientierung zu den wirklichen Werten ermöglichen soll. Die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen ist für Evangelikale der absolute Horror, denn die Ehe zwischen Mann und Frau steht für die Ordnung in einer chaotischen Welt. Das Fundament ihrer Gesellschaft.

Auf dem Kongress 2013 in Würzburg befinden sich viele Redner_innen, die leitende Funktionen in der OCJ, der „Offensive Junger Christen“ haben oder hatten, so unter anderem Dominik Klenk, der deutlich sagt, dass jede Form der Sexualität jenseits der Ehe mit der Gründung des Christentums abgelöst wurde und die Kulturleistung der heterosexuellen Ehe auf jeden Fall bewahrt werden müsse, um der nächsten Generation und der Kultur wegen. Dominik Klenk setzt sich auch für das „Recht auf Therapie“ bei „ichdystoner Sexualorientierung“ ein, also sogenannte „Reorientierungstherapien“ für Homosexuelle. Die Offensive Junger Christen betreibt das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG), das einen „Forschungs“schwerpunkt auf Homosexualität gelegt hat – sie propagieren dabei ein „Recht auf Reorientierungstherapie“. In der Debatte zur Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren schrieb Christl Ruth Vonholt, eine der Referent_innen des letzten Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg: „Die Einführung einer „Homo-Ehe“ aber ist der Versuch, „das grundlegende Konzept und den Ethos des Lebens und der Biologie zu verändern.“ (Charles Socarides). Es ist der Versuch, diemännlich-weibliche Struktur als Grundpolarität allen Lebens aufzulösen. Dem sollten wir uns entschieden widersetzen.“1

2009 gab es beim letzten Kongress in Marburg massive Protest, Demonstrationen, Graffities und viele andere Aktionen um gegen den Kongress mit seinen „Homo-Heilern“ Aufmerksamkeit zu schaffen. Diesmal findet der Kongress weitgehend umkommentiert in Würzburg statt. Homophobe, transphobe, rassistische und frauenfeindliche Äußerungen oft nicht unverblümt geäußert, sondern durch eine geschickte Rethorik geschönt werden. Es wird von Liebe und Respekt für Homosexuelle gesprochen, oft in denselben Texten, in denen sich für die Möglichkeiten der Therapie von Homosexualität ausgesprochen wird. Dass sich die Positionen nicht im geringsten gemildert haben ist offensichtlich wenn zum Beispiel der Widerstand verschiedener evangelikalen Gruppen gegen die aktuelle Gesetzesinitiative zum Verbot von Therapien bei Minderjährigen mit dem Ziel der Änderung der sexuellen Orientierung betrachtet wird. In diesen Stellungnahmen wird vielfach vom „Recht auf Therapie“ gesprochen. Die DIJG bezieht sich in ihrem Text dabei auf die „National Association for Research and Therapy of Homosexuality“ (NARTH ), die recherchiert hätten, dass „Reorientierungstherapien“ nicht schädlich sein.2 Oft kommen Äußerungen, dass sie nur eine Möglichkeit bieten wollen, für Menschen die sich selbst verändern wollen. Homosexualität habe was mit Traumatisierungen in der Kindheit und/oder einer fehlende Identifikation mit dem „von Gott gegebenen“ Geschlecht zu tun.

Dies spielt zusammen mit der evangelikalen Ideologie, dass nur Mann und Frau zu zweit zusammenleben, Kinder kriegen und eine Familie gründen dürfen. Dass alles „andere“ der göttlichen Schöpfung widerspricht und widernatürlich ist. Dominik Klenk kritisierte die steigende Anerkennung der EKD für gleichgeschlechtliche Paare, in einem Text zu der Veränderungs des Rechts der Pfarrer_innen in der EKD äußerte er sich: „Wir stehen auf biblisch-reformatorischem Boden und für die Klarheit von Ehe und Familie. Das Pfarrhaus ist kein Freudenhaus.“3 Dieser Text wurde unter anderem veröffentlicht in der ideaSpektrum, dem größten Nachrichtenportal der Evangelikalen in Deutschland. Die „idea“ beglückwunschte 2009 Dr. Martin Grabe zu seiner Standhaftigkeit angesichts der Proteste gegen den Kongress in Marburg und erklärte ihn zum Arzt des Jahres. Kritik am Kongress wurde oft als Angriff auf das Recht auf freie Meinungsäußerung dargestellt. Die Täter selbst sehen sich aber wieder mal als Opfer.

Der Kongress in Würzburg zeichnet sich mit den Referent_innen und der Nähe und Verknüpfung zu homosexualitätsfeindlichen Organisationen aus. Es ist ein Austausch über die Gefahren der „postmodernen Gesellschaft“, der sich durch homophobe, antifeministische und transphobe Äußerungen auszeichnet. Die traditionellen Rollenbilder sollen wieder erfüllt werden und die Ordnung im „Chaos“ wiederhergestellt werden. Der Bischof von Würzburg macht in seinem Grußwort deutlich, dass es oft auch notwendig sei, „sich gegen den Zeitgeist zu stellen“. Die reaktionäre Ideologie von Evangelikalen wird in diesem Kongress einmal mehr Platz und Raum finden, und die Gewalt die diese dadurch ausüben verschwindet in den Medien oft hinter dem Bild der „liebevollen“ und betenden Christ_innen. Das diese sich jedoch nicht nur in der Kirche über ihre Themen austauschen sondern aktiv versuchen Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern, wird in den aktuellen Äußerungen sehr deutlich.

Die Diskriminierung von anderen Menschen und die Pathologisierung und moralische Wertung ihres Empfindens ist keine Meinung und darf nicht geduldet werden. Antifeministische Einstellungen bedeuten, dass Frauen eingeschränkt werden sollen, dass Abtreibungsrechte in Frage gestellt werden, das Frauen in eine Rolle gedrängt werden, die sie als „empfangend“ charakterisiert. Die traditionellen Geschlechterrollen einzufordern bedeutet Ausgrenzung von Menschen, die sich eben nicht in diesen Konzepten wiederfinden, besonders auch von Trans*menschen. Therapien für Homosexuelle einzufordern, selbst wenn nicht verpflichtend, bedeutet weiter ein Bild aufrechtzuerhalten, in dem es eine gesunde Norm und eine krankhafte Abweichung gibt, die aber geheilt werden kann. Kinder und Jugendliche sollen in der evangelikalen Lebensvorstellung auf keinen Fall lernen dürfen, was es alles für Lebensweisen gibt, wie es sich an einer Debatten um Kinderbüchern auch aktuell wieder zeigt. Damit beziehen sie sich auf Aufklärungs-Bücher, die Homosexualität und Familien jenseits von Vater-Mutter-Kind als etwas total normales darstellen. Unter der freundlich lächelnden Oberfläche der Evangelikalen befindet sich eine gewaltvolle, reaktionäre Ideologie. Daher lehnen wir die gesamte Akademie für Psychotherapie und Seelsorge und ihren Kongress aufs Schärfste ab, egal wann und wo dieser stattfinden soll.

Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus!

  1. http://www.dijg.de/homosexualitaet/gesellschaft/homosexuelle-partnerschaft-ist-keine-ehe/ [zurück]
  2. http://www.dijg.de/pressemitteilungen/gesetzentwurf-buendnis-90-gruenen-verbot-therapie/ [zurück]
  3. http://www.dominik-klenk.de/besser-schwul-als-katholisch-135 [zurück]

1 Antwort auf „Kongress in Würzburg“


  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Transphobe Limo-Werbung und Anti-Diät-Tipps – die Blogschau Pingback am 11. Mai 2013 um 9:00 Uhr
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