Hofberichterstattung an der OP?

Offener Brief an Herausgeber und Chefredakteur der Oberhessischen Presse

Sehr geehrter Herr Hitzeroth, sehr geehrter Herr Linne,

dank des investigativen Journalismus von „Campus TV“ („Über die Medien beim APS-Kongress in Marburg“) ist nun öffentlich geworden, was der Herausgeber der OP meint, wenn er sein Unternehmen als „kompetente[n] Medien-Dienstleister und Werbepartner“ anpreisen lässt (siehe OP-Website).
Jüngst leistete die OP nämlich der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS) einen recht bemerkenswerten Dienst. So stellte sie den Veranstalter_innen des Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge scheinbar eine eigene Hofberichterstatterin zur Verfügung, die sich in der Tat als „kompetente Werbepartnerin“ für die evangelikale Sache erwies.
Denn trotz der Beteuerungen der Kongressveranstalter_innen, man könne aus Platz- und Sicherheitsgründen keine Presse zu Seminaren des Kongresses zulassen, war es einzig und allein Frau Ntemiris gelungen, Zutritt zu mindestens einem der Seminare zu erhalten. Wie konnte das geschehen, wenn doch eigentlich der gesamten Presse der Zugang zu Seminaren verboten worden war?

OP-Redakteurin Anna Ntemiris kooperiert seit längerem mit dem „Christlichen Medienverbund KEP e.V.“. KEP, das steht für „Konferenz Evangelikaler Publizisten“, einem Verein, der sich die „Koordination der bisherigen evangelikalen Öffentlichkeitsarbeit“ zur Aufgabe gemacht hat und damit „eine wirkungsvolle und sachkompetente Vertretung der evangelikalen Bewegung in den Massenmedien“ erreichen will (siehe Website).

Frau Ntemiris hatte nicht nur im Vorfeld des Kongresses ihre Verbindungen zur evangelikalen Szene spielen lassen (siehe z.B. Interview mit Christl Ruth Vonholdt in der OP), sondern auch während des Kongresses nutzte sie ihren besonders guten Draht zum PR-Mann der Kongressveranstalter_innen: Wolfgang Baake, der von der APS im Zuge der Kongress-Kontroverse mit der Pressearbeit betraut worden war, ist nämlich Geschäftsführer des bereits erwähnten „Christlichen Medienverbundes KEP“. Die dem KEP untergeordnete „Christliche Medienakademie“ will „christliche Nachwuchsjournalisten auf ihrem Weg in die Medien fördern und begleiten“ und konnte dazu Frau Ntemiris als Referentin gewinnen. Auch in den Kontakten von Frau Ntemiris’ „Twitter“-Blog, den sie zur Berichterstattung während des Kongresses nutzte, wird die Verbindung zur evangelikalen Szene deutlich. Eine von den insgesamt nur neun Twitter-Blogs, die sie selbst abonniert hat, ist „Pro – Christliches Medienmagazin“, dessen Herausgeber der Christliche Medienverbund KEP e.V. ist.

So wird schließlich offensichtlich, warum Frau Anna Ntemiris eine Sonderbehandlung von Seiten der evangelikalen APS zukam, und warum sie schon im Vorfeld des Kongresses in ihren Artikeln die Panikmache der Kongressveranstalter_innen übernahm und so ihren Beitrag zur Kriminalisierung der Kongress-Kritiker_innen lieferte. Auf diese Weise machte sie Stimmung gegen diejenigen, die sich gegen die Zurverfügungstellung von öffentlichen Räumen für homosexuellen- und frauenfeindlichen Fundamentalismus zusammengefunden hatten. Ergebnis dieser unbegründeten Kriminalisierung von Kongress-Kritiker_innen war nicht zuletzt ein sich durch extreme Unverhältnismäßigkeit der Mittel auszeichnender Polizei-Einsatz, der eine friedliche Demonstration von 1000 engagierten Bürger_innen mit Pferdestaffel und – laut „You FM“ – auch mit einem bereitstehenden Wasserwerfer einzuschüchtern versuchte.

Besonders in den Artikeln, in denen Frau Ntemiris Positionen der umstrittensten APS-Referent_innen zitiert, wird die Problematik der Einmischung persönlicher Interessen in journalistische Arbeit evident. Scheinbar kompromittiert durch ihre Nähe zum organisierten Evangelikalentum werden Minimalstandards journalistischer Recherche-Arbeit ignoriert: Aussagen wie die von Christl Ruth Vonholdt zu den Entwicklungschancen von Kindern mit nicht-heterosexuellen Eltern werden unkommentiert und ohne die Darstellung wissenschaftlicher Gegenpositionen stehengelassen (siehe Interview von Ntemiris mit Vonholdt). Das Resultat solcher Verletzungen journalistischer Integrität ist also nicht nur tendenziöse Berichterstattung, sondern auch die kritikfreie Verbreitung wissenschaftlich widerlegter, diskriminierender Scharlatanerie.

Es ist deutlich geworden, dass Frau Anna Ntemiris’ persönliche Interessen in diametraler Weise ihren beruflichen Verpflichtungen gegenüberstehen. Als Journalistin untersteht sie dem Pressekodex des Deutschen Presserates, in dem es heißt „Sie [die Journalist_innen] nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr.“ Desweiteren heißt es: „Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten.“ Auch dieser Grundsatz ist durch das Handeln von Frau Anna Ntemiris klar verletzt worden.
Eine derart unprofessionelle Verfahrensweise von Seiten Frau Anna Ntemiris und von Seiten der Oberhessischen Presse ist unserer Meinung nach unvereinbar mit der Unabhängigkeit der Presse und deren Kodex.

Von der OP fordern wir nun:

  • eine allgemeine Stellungnahme zu den in diesem Brief erhobenen Vorwürfen
  • eine Stellungnahme zum Vorwurf der fehlenden Unabhängigkeit von Frau Ntemiris und den damit verbundenen Konsequenzen
  • eine Stellungnahme zur fehlenden Transparenz der OP bezüglich der Parteilichkeit ihrer Mitarbeiter_innen