5. Pressemitteilung

Bündnis kündigt Demonstration gegen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg an

Vom 20.-24.5. 2009 soll in Räumen der Universität und Stadt Marburg der evangelikal geprägte „6. Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ stattfinden. Das Programm des Kongresses und insbesondere die Teilnahme von ReferentInnen, die die „Heilung von Homosexualität“ propagieren, haben zu vielfacher Kritik und einer breiten medialen Debatte geführt. (1) In Reaktion auf den Kongress hat sich das Bündnis „Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus“ gebildet und ruft zu einer Demonstration am 21.05.2009 auf um gegen den Kongress zu protestieren. Startpunkt ist um 10:30 Uhr am Hauptbahnhof Marburg. Im Vorfeld des Kongresses lädt das Bündnis darüber hinaus zu einem Vortrag von Sarah Diehl mit anschließender Filmvorführung ein. Titel des Vortrags, der am 14.05.2009 um 19:00 Uhr im Havanna 8, Lahntor 2, Marburg stattfindet, ist „`Die Frau hat sich zur Giftmörderin ihres Kindes gemacht` – Die politischen Strategien der christlichen Anti-Abtreibungs-Szene“.

Die Sprecherin des Bündnisses Nora Nebenberg erklärt dazu:

„Uns ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht nur zwei bis vier der angekündigten Seminare in einem wissenschaftlichen Rahmen untragbar sind. Homophobie ist nur ein Kritikpunkt von vielen. Religiös-fundamentalistischen Positionen sollten grundsätzlich keine öffentlichen Räume zur Verfügung gestellt werden.“

Als besonders problematisch bezeichnet das Bündnis das angekündigte Seminar „Abtreibung als Trauma. Das Post Abortion Syndrom “ unter Leitung von Angelika Pokropp-Hippen.

„Die Positionen von Frau Pokropp-Hippen sind ethisch, wissenschaftlich und politisch untragbar. Dass sie von der Akademie für Seelsorge und Psychotherapie, der Stadt Marburg und der Philipps-Universität als wissenschaftlicher Beitrag anerkannt werden, ist ein Skandal. Wir sehen im Therapie-Programm Frau Pokropp-Hippens einen Akt der Gewalt gegen hilfesuchende Frauen. Die ärztliche Autorität wird benutzt, um den Willen der Patientinnen zu brechen. Dieses Vorgehen verstößt gegen die ärztliche Berufsethik und zeigt in seiner Pathologisierung von Wünschen, die den Forderungen der Therapeutin widersprechen, deutlich totalitäre Tendenzen. Wir fordern erneut, einer solchen Veranstaltung die städtische und universitäre Unterstützung zu entziehen,“

fasst Nebenberg die Positionen des Bündnisses bezüglich des Seminars zusammen.

Pokropp-Hippen ist Ärztin und Therapeutin in Münster und gehört der christlichen Anti-Abtreibungs-Bewegung an. Über Frauen, die sich aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft zu einem Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, schreibt sie in herabwürdigender und sensationslüsterner Art. Schwangerschaftsabbrüche bezeichnet sie als „aggressive[n] Akt des Tötens“, durch den die Frau sich „ zur Giftmörderin ihres Kindes“ mache. (2) Eine ‚Heilung‘ von Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen haben, ist für sie nur möglich durch ein Schuldeingeständnis vor Gott: „Heilung und Versöhnung durch und mit Gott ist die tiefste Ebene, welche bei vielen Betroffenen auf Grund eines mangelnden religiösen Bewusstseins oft nicht oder nur schwer möglich ist.“ (3)

Innerhalb der christlichen Anti-Abtreibungsszene tritt sie als „Expertin“ für das „Post-Abortion-Syndrome“ (PAS) auf. Bei dem „Post-Abortion-Syndrom“ handelt es sich um eine angebliche posttraumatische Störung nach einem Schwangerschaftsabbruch. Die Existenz des Syndroms ist wissenschaftlich nicht belegt. In medizinischen und psychologischen Diagnoseschemata ist das Syndrom nicht aufgeführt. Eine Studie der „American Psychological Association“ kommt zu dem Schluss, dass zwischen einem durchgeführten Schwangerschaftsabbruch und auftretenden Depressionen kein beobachtbarer Zusammenhang besteht. (4) Dennoch wird das Syndrom in politischen Auseinandersetzungen angeführt, um ein konsequentes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen zu fordern. Pokropp-Hippen berichtet aus ihrer therapeutischen Praxis von einer jungen Frau, die ungewollt schwanger wurde und auf die über Dritte Druck mithilfe des nicht belegten Konstrukts des „Post-Abortion-Syndroms“ aufgebaut wurde, auf einen Schwangerschaftsabbruch zu verzichten. Das Kind könne ja danach zur Adoption freigegeben werden. (5)

„Das erfundene Post-Abortion-Syndrom zeigt, mit welch abstrusen Methoden die Anti-Abtreibungs-Szene Frauen unter Druck setzt. Das Konstrukt steht exemplarisch für die Ausrichtung des gesamten Kongresses: Statt einer unterstützenden ergebnisoffenen Beratung propagieren die ReferentInnen Methoden, die PatientInnen ein religiös-fundamentalistisches Weltbild aufnötigen und ein massives Schuldgefühl einreden. Das Ergebnis der Beratung steht dabei von vornherein fest“

, stellt Nora Nebenberg fest. Das Bündnis „Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus“ spricht sich dafür aus, Frauen, die aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft Beratung suchen, in angemessener, ergebnisoffener Form zu helfen. Dazu zählt die Erleichterung einer individuellen Entscheidung durch die restlose Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Minderung sozialer und ökonomischer Risiken, die für Frauen von einer Schwangerschaft weiterhin ausgehen.

Sogar der Diakonieausschuss der Evangelischen Landeskirche Baden-Württemberg hält die Vorgehensweise der Anti-Abtreibungs-Bewegung für problematisch. Bezüglich der „Gehsteigberatungen“, die auch Pokropp-Hippen unterstützt und die darauf abzielen, Frauen auf dem Weg zur Abtreibungsklinik zu „überzeugen“ auf den Eingriff zu verzichten, beschloss der Ausschuss 2006: „Das gewachsene Vertrauen in die Institution der Evangelischen Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung darf nicht durch ein Angebot gefährdet werden, das in der Gefahr steht, Frauen durch Überredung und Druck in neue seelische Not zu bringen. Und in dieser Gefahr steht leider die Gehsteigberatung.“ Eine verantwortungsvolle Beratung hieße dagegen „respektvoll mit [der Frau] umzugehen. Dazu gehört, zum Ausgangspunkt zu nehmen, was die Frau selbst möchte. Die Frau in einer solchen angespannten Situation überzeugen zu wollen, grenzt an manipulatives Verhalten und übt immensen Druck auf die Betroffene aus.“ (6)

Das Bündnis kritisiert die Ankündigung dieses pseudo-wissenschaftlichen Seminars und warnt davor, auf die Strategie hereinzufallen, derartige Beiträge als fundierte Äußerungen im wissenschaftlichen Meinungspluralismus anzuerkennen. Dazu Nora Nebenberg, Sprecherin des Bündnisses:

„Es geht hier nicht um eine Diskussion mit dem Ziel der Wahrheitssuche. Vielmehr wird die Unterstützung durch die Universität genutzt, um gesellschaftspolitische Ziele zu verfolgen und den sie unterstützenden kruden Thesen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.“

Eine Analyse der Strategien wird die Berliner Autorin und Filmemacherin Sarah Diehl am 14.05.2009 um 19:00 Uhr im Havanna 8, Lahntor 2, Marburg vorstellen. (7)
_______________
(1) Siehe dazu den Pressespiegel auf: http://noplace.blogsport.de/presse/
(2) http://www.aktion-leben.de/Abtreibung/RU-486/sld01.htm
(3) http://www.alfa-ev.de/fileadmin/user_upload/Lebensforum/2005/lf_0205-8-post-abortion-syndrom.pdf
(4) http://www.apa.org/releases/abortion-report.pdf
(5) Vgl. http://www.alfa-ev.de/fileadmin/user_upload/Lebensforum/2005/lf_0205-8-post-abortion-syndrom.pdf:
„Nur die Freundin riet, das Kind zu behalten. Sie rief mich an, ich bestärkte ihre Meinung, dass die junge Schwangere nach einer Abtreibung wohl noch tiefer in ihre psychischen Probleme rutschen würde. Ich verdeutlichte die Gefahr des Post Abortion Syndroms.“
(6) Quelle: www.elk-wue.de/fileadmin/mediapool/elkwue/dokumente/…07/TOP_13-Danner-Bericht_Diakonieausschuss-Gehsteigberatung.rtf
(7) Weitere Informationen: http://noplace.blogsport.de/termine/diskussion-und-filmvorfuehrung-mit-sarah-diehl/